Interview zu PDF 2.0 (ISO 32000-2:2017)

Vor kurzem wurde ich von einem bekannten Blog für Online-Druckereien um ein schriftliches Interview zu PDF 2.0 gebeten. Leider fand der Eigentümer des Blogs meine Antworten “zu technisch” für seine Leser. Da meine Leser in dieser Hinsicht sicher mehr Verständnis haben, publiziere ich das Interview eben nun auf PDF-AKTUELL…

 

Frage: Vor kurzem ist PDF 2.0 veröffentlicht worden. Warum bietet PDF 2.0 einen echten Mehrwert für die Druckindustrie?

Stephan Jaeggi: PDF 2.0 bringt eine eindeutigere Definition der Transparenzverarbeitung, sodass unterschiedliche Ergebnisse auf Systemen unterschiedlicher Hersteller (z.B. mit der Altona Testpage 2.0) nicht mehr vorkommen sollten. Ausserdem wird ein Parameter zur Steuerung der Tiefenkompensierung eingeführt, der bisher gefehlt hat. Damit werden ICC-Farbtransformationen voraussehbar. Neu ist auch die Möglichkeit, pro Seite eine Ausgabebedingung zu definieren.

 

PDF 2.0 umfasst mehr als 900 Seiten. Wozu braucht die Druckindustrie einen so umfassenden  Standard?

Die Druckindustrie braucht keine so umfassende Spezifikation! Aber PDF wird ja nicht nur in der Druckindustrie verwendet. Über 95% aller PDF-Anwender nutzen den Standard für andere Zwecke (Internet, Dokumentarchive, Formulare, Digitale Unterschriften, etc.).

 

PDF 2.0 ist die erste PDF-Spezifikation, die ganz von der ISO entwickelt wurde. Wie hat sich das auf die Spezifikation ausgewirkt?

Für die neue Version wurden viele Kapitel komplett überarbeitet, um die Definitionen eindeutiger und einfacher zu machen, ohne neue Funktionen einzuführen. Es wurde grosser Wert auf Rückwärtskompatibilität gelegt. Das Ziel war Evolution nicht Revolution.

 

In welchen Bereichen ist PDF 2.0 der mittlerweile neun Jahre alten ISO 32000-1 (PDF 1.7) überlegen?

In PDF 2.0 wurden viele Funktionen von Sub-Standards übernommen: Strukturbefehle (Tags zur Kennzeichnung von Inhaltsobjekten wie z.B. Titel, Tabelle, Aufzählung, Bild) von PDF/UA, Document Parts (DParts zur Identifizierung von Seiten (z.B. Umschlag, Inhalt, Antwortkarte) von PDF/VT sowie die Metadaten des zukünftigen ISO-Standards 21812 über PDF Common Metadata (z.B. Anweisungen für das Inline-Finishing in einem Digitaldrucksystem). PDF 2.0 ist daher kompletter als die Vorgängerversionen.

 

Wie können Onlinedrucker von der neuen Spezifikation profitieren?

Mit Hilfe der PDF Common Metadata wird man u.a. Steuerbefehle für Digitaldrucksysteme (z.B. Papierschachtaufrufe) direkt in der PDF-Datei definieren können. Dies war bisher nur über zusätzliche (JDF-)Jobtickets möglich. Dies war ein grosser Nachteil von PDF gegenüber AFP.

 

Welche Vorteile bietet PDF 2.0 den Kunden von Onlinedruckern?

Die erwähnte Funktion der seitenbasierten Ausgabebedingungen ermöglichen neu die Erzeugung einer einzigen PDF-Datei, deren Umschlag auf gestrichenes Papier und der Inhalt auf ungestrichenes Papier gedruckt werden soll. Heute muss man in den meisten Online-Portalen dafür zwei separate Dateien für Umschlag und Inhalt hochladen.

 

Was wird PDF/X-6 bringen?

Neben der Unterstützung neuer Funktionen von PDF 2.0 wie der Tiefenkompensierung und den seitenbasierten Ausgabebedingungen wollen wir in PDF/X-6 auch einige Restriktionen aufheben. So sind in Zukunft z.B. gewisse Anmerkungen (z.B. Notizzettel) erlaubt. Allerdings müssen diese als nicht-druckend definiert sein. Ausserdem werden Schmuckfarben mit spektralen Farbdefinitionen (auf Basis des ISO-Standards CxF/X-4) möglich. Dadurch wird der Druck von Schmuckfarben (z.B. Pantone) auf Drucksystemen mit mehr als vier Prozessfarben (Multicolor) mit viel besserer Qualität möglich. Dies wird z.B. den Druck von Verpackungen auf Digitaldrucksystemen stark erleichtern.

 

Wie lange wird es dauern, bis die neuen Features von PDF 2.0 in der Druckindustrie breit eingesetzt werden?

Bei der aktuell fehlenden Innovationsbereitschaft der Druckbranche wird es vermutlich etliche Jahre dauern bis PDF 2.0 und PDF/X-6 zum Einsatz kommen. Viele Druckereien verlangen von Ihren Datenlieferanten immer noch PDF 1.3 resp. PDF/X-1a oder PDF/X-3. Das sind über 15 Jahre alte Datenformate, die nicht mit den Möglichkeiten heutiger Layoutprogramme und RIPs kompatibel sind. Diese veralteten Formate bedingen eine Transparenzreduktion beim Erzeuger. Oft werden dadurch Druckvorlagen kaputt konvertiert und bereiten den Druckereien dann erhebliche Probleme. Trotzdem unternehmen viele Druckereien nichts, um bessere Daten (PDF/X-4) zu bekommen!

 

Wie können sich die Anwender zu diesem Thema weiter informieren?

Auf meinem Blog PDF-AKTUELL gibt es einige Artikel mit weiterführenden Links über PDF 2.0. Für Anwender ausserhalb der Druckindustrie gibt es eine Übersicht der neuen Funktionen von PDF 2.0 bei der PDF Association. Martin Bailey, bespricht die Auswirkungen von PDF 2.0 auf die Druckproduktion in einem englischen Whitepaper und einem Webinar. Da die meisten der neuen Funktionen für Druckvorlagen den Bereich Farbe betreffen, ist PDF 2.0 natürlich auch ein Thema in meinem neuen Seminar PDF Color Management in der Praxis.


3 Gedanken zu “Interview zu PDF 2.0 (ISO 32000-2:2017)

  1. “Leider fand der Eigentümer des Blogs meine Antworten “zu technisch” für seine Leser. Da meine Leser in dieser Hinsicht sicher mehr Verständnis haben, publiziere ich das Interview eben nun auf PDF-AKTUELL”.

    Ich lach mich tot. Stephan, du bist der Beste!

  2. “Bei der aktuell fehlenden Innovationsbereitschaft der Druckbranche”. Schön ausgedrückt. Aber das “aktuell” hätten Sie wohl weglassen können.

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